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Der Feind vor den Toren

Im Leben jedes Hundebesitzers kommt einmal der Augenblick, wenn er über das Schicksal, über Leben und Tod seines Lieblings entscheiden muss. Dieser schwere Moment verlangt/fordert unsere ganze Empathie und erzieht außerdem zur Achtung vor dem Leben, vor den Gesetzen der Natur. Dabei ist eine schwere Krankheit oft wie ein unerwarteter Besucher, der sich rasch ausbreiten kann. Meist kommt dieser „Besucher“ sogar an Wochenenden oder Feiertagen: eben in den entspannten, tatenlos verbrachten Stunden, als wenn dieser ungebetene Gast uns ständig auf Trab halten wollte und uns keine Ruhe gönnen möchte.


    So war es auch als mein kräftiger junger Deutscher Schäferhund plötzlich in schlechter Verfassung war. Anderthalb Tage nach den ersten Symptomen hatte er nicht einmal mehr Lust aufzustehen. Ich unterbrach meine Reise in Österreich und beeilte mich, nach Ungarn zu kommen. Dabei fiel mir auf, dass sich sein Gaumen weiß verfärbt hatte und sein Urin eine bräunliche Farbe annahm: Borreliose! Ich erschrak bei dem Gedanken! Doch wenn eine Zecke der Verursacher der Krankheit sein könnte, wusste ich, an wen ich mich wenden musste; Tierarzt Dr. Béla Lakatos! Er hörte sich trotz der Störung am Sonntagmorgen geduldig die beschriebenen Symptome am Telefon an und sagte dann nur soviel: „Kommen Sie sofort her!“
    Als wir bei ihm eintrafen, war mein Hund schon sterbenskrank. Bei der Injektion gegen Borreliose brach er endgültig zusammen und fiel hechelnd, mit verdrehten Augen zu Boden.
„Alles wird sich in den kommenden 2-3 Stunden entscheiden! Vielleicht sind Sie noch rechtzeitig gekommen“, so Dr. Lakatos. Mein Hund überstand die Krankheit zum Glück behielt aber eine Nieren- und Leberschädigung zurück.

  • Zecken verbreiten sich explosionsartig in ganz Europa und übertragen Krankheitserreger, die auch für Menschen gefährlich werden können. Wegen der Borreliose leben beispielsweise die früher auf den Wiesen und an den Ufern im Süden von Budapest häufig anzutreffenden streunenden Hunde nicht länger als ein paar Monate. Es gibt nur ein paar Ausnahmen, in deren Körpern, wie mein Tierarzt sagen würde, außerordentliche, natürliche Antikörper vorhanden zu sein scheinen. Einige einfach durchzuführende Tests würden sich an diesen Tieren wahrscheinlich lohnen.

    Auf  jeden Fall bestätigte sich mir bei den ersten Ausflügen im Frühjahr 2010, dass der bisherige leidige  Vorfall nur der Vorbote einer alles übertreffenden großen „Zeckeninvasion“ war. Ich sammelte an verschiedenen Stellen Zecken und schickte sie Dr. Lakatos zur Untersuchung. Dabei stellte sich heraus, dass in einzelnen Landesteilen schon 30 % der Zecken mit Krankheitserregen infiziert sind. Ich suchte im Internet nach Schutzmöglichkeiten, vor allem deshalb, weil mein Hund mit seinem dicken Fell wie ein Magnet alles im Gras auflas, was dort lauerte.


Nun, die Internetsuche hielt schon auf den ersten Seiten eine weitere bittere Pille im Hinblick auf die Zukunft bereit:
- „ Jährlich werden allein in Deutschland 60.000 Lyme-Borreliose-Erkrankungen registriert.“
- „Die von Zecken verbreiteten Krankheiten können hinsichtlich ihrer Häufigkeit innerhalb von ein paar Jahren auf die Liste der Top 10 gelangen.“
- „Auf dem Territorium der EU wurde das einzige, noch gegen Zecken wirksame Spritzmittel wegen des Gehalts an Phosphorsäureester verboten.“

    Hypochondern empfehle ich derartige Nachforschungen nicht, weil sie dann garantiert jede Grünfläche in Zukunft meiden und nicht nur um ihre Hunde fürchten, denn für diese sind  „bombensichere“ Präventionsmittel zugelassen und im Handel erhältlich.
    Die Auswahl der für Menschen entwickelten Präparate gegen Zecken ist dagegen wesentlich geringer und auch ihre Wirksamkeit ist umstritten. Wenn es zu einer Infektion kommt, kann sich die Behandlung der Lyme-Borreliose fünf bis sechs Jahre hinziehen. Die Erkrankten geben meist ein Vermögen aus und auch für die Krankenversicherungen wird es teuer. Im Internet findet sich  ein Einblick in viele Krankengeschichten, bei denen es um  den Kampf gegen die Krankheit geht, ganz gleich, ob es sich um einen erkrankten Menschen oder ein krankes Tier handelt.


    Ich wollte nicht glauben, dass es keine Lösung gibt. Es kann doch nicht sein, dass die Zecke keinen natürlichen Feind hat! Und dann fand ich ihn! Ich recherchierte und fand Unterlagen, die mehr als zehn Jahre alt waren und  in denen die Rede von einem unaussprechlich langen lateinischen Namen war. Der Name für eine spezielle Bienenart, die ihre Eier auf Zecken ablegt, die diese „Leihmutterschaft“ meistens nicht überleben. Mich erfasste ein freudiges Gefühl, als ich daran dachte, dass genauso wie ich in meiner Jugend auch die  Kinder von heute die Begegnung mit der Natur als wunderbares und zugleich entscheidendes Erlebnis werden erfahren dürfen, ohne dass sie dabei einer eventuell tödlichen Gefahr ausgesetzt sind. Mein Forschen nach der rätselhaften Bienenart geriet allerdings rasch in eine Sackgasse. Laut den Dokumenten ist das Insekt wahrscheinlich dank der Pflanzenschutzmittel heute vollständig ausgerottet. Hier möchte ich anmerken, dass ich die Ansicht teile, dass die Geschichte der menschlichen Entwicklung zugleich auch die Geschichte der Zerstörung der Natur ist. Mit Sicherheit könnten mehrere Bände so dick wie die Bibel mit unseren Sünden, die wir gegen die Lebewesen der Natur begingen, gefüllt werden.


    Meine weitere Recherche brachte heraus, dass heute in der Landwirtschaft bereits oft natürliche Feinde gegen die Schädlinge der Nutzpflanzen eingesetzt werden. Biologische Schädlingsbekämpfung zahlt sich langfristig aus und ist so auch mit wirtschaftlichen Vorteilen verbunden. Der Gedanke erschreckt mich ein wenig, dass im Fall der Zecken gerade deren Vermehrung auch eine belebende Wirkung für die Wirtschaft haben kann, denn ihr Vorkommen sichert zahlreichen Unternehmen die Existenz.


    Statt ein Mittel in Umlauf zu bringen, das die Zecken vollständig vernichtet, steht  die Anwendung von individuellen Schutzmaßnahmen im Focus von ganz Europa.   Die Untersuchung eines wirklichen Gegenmittels gegen die Zecken wäre wohl mit zu langwierigen Umwelt-Untersuchungen verbunden, die keiner bezahlen will. Während ich inmitten von häufigem Klicken darüber nachdachte, dass eine ein Millimeter große Spinne langsam über die Krone der Schöpfung zu siegen scheint, stieß ich auf einen bekannten Namen in Verbindung mit dem Kampf gegen Lyme-Borreliose. Die Weltmeisterin im Orientierungslauf Sarolta Monspart war eine der ersten oder vielleicht sogar die erste in Ungarn mit Lyme-Borreliose infizierte Patientin, deren Kampf gegen die Krankheit die Geschichte einer langen und grausamen Kraftprobe war. Doch die Redensart stimmt! „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Über Sarolta Monspart gelangte ich zu einzigartigen Informationen. Eine ungarische Wissenschaftlergruppe an der ELTE begann damals mit ernsthaften Forschungen. Nur wenige Tage später sprach ich schon mit Herrn Oberassistenten Dr. Zoltán Bratek, der mit seinen Mitarbeitern eine Pilzart fand, oder besser gesagt „erschuf", die der potentielle Feind der Zecken sein kann, ohne das sie für irgendein anderes Lebewesen eine Gefahr bedeuten würde. Ihre Wirksamkeit wurde mit einer Reihe von Tests bewiesen, in deren Verlauf die Zecken auf viele Jahre aus dem Untersuchungsgebiet verschwanden. Trotzdem fehlte auf dem Gesicht des Interviewten jede Spur von Begeisterung oder Tatendrang. Er konnte seine Trauer nicht verbergen und berichtete resigniert von sechs langen Jahren Patentverfahren, dem Warten, von den aussichtslos erscheinenden Komplikationen, den Anträgen und den Genehmigungsverfahren. Mich überlief ein kalter Schauer als ich  erfuhr, dass es mehrere Milliarden kosten würde, das neue Mittel auf den Markt zu bringen und wie langsam oder vielleicht sogar gleichgültig die Behörden in dem Prozess sind. Als ich schließlich vorsichtig meine Hilfe anbot, glaubte ich nicht, dass ich wirklich etwas Nützliches beitragen könnte. Und doch! Die Antwort war einfach:„Wissen Sie was? Bringen Sie mir Zecken! Soviel Sie nur können, damit wir die Untersuchung etwas aktualisieren können!“ sagte der Forscher.

    Nun, liebe Leserin, lieber Leser! Wenn du dich noch an den Slogan „Ein Gespenst geht um in Europa!“ erinnerst, sei nicht zu sehr überrascht, wenn dir eine ähnliche Erscheinung über den Weg läuft. Das Wesen, das in einem K9-T-SHIRT über Wiesen und Schwemmland streift und ein großes, weißes Laken hinter sich her zieht, ist niemand anderes als ich beim Sammeln von Zecken für die ELTE. Kein Grund zum Erschrecken! Obwohl der Sommer langsam vorbei ist, muss bis zum Eintreten von starkem Bodenfrost mit einer erneuten Zeckeninvasion gerechnet werden. Der Schutz dagegen ist unsere verdammte Pflicht!

 

 

Julius Sebő